#kbom11 Ergebnisse der AG digitale Jugendbildung
AG Digitale Jugendbildung
Unsere aktuelle gesellschaftliche Situation ist geprägt von der Auflösung traditionaler Strukturen, Globalisierung, Entgrenzung, der Notwendigkeit, sich lebenslang ändernden Anforderungen in der Arbeitswelt zu stellen (Wissensgesellschaft) und einem epochalen Wandel der Kommunikationsformen. Der digitalisierte Lebensraum (Internet) lässt sich aktuell als der Bereich definieren, der am stärksten auf unser Gesellschaftssystem wirkt, da es sich nicht nur um einen Raum für Informations-, Warentausch und Datentransfer handelt, sondern zugleich ein Raum für Identitätsbildung, für kulturelle Bildung, politischer Meinungsbildung und Beziehungsmanagement, der zugleich die Vorstellungen vor allem von Jugendlichen von Wirklichkeit und Weltwahrnehmung prägt. Es besteht die Herausforderung, infrastrukturelle Bedingungen zu schaffen, dass Jugendliche ausgehend von ihren im Lebensalltag erworbenen Kompetenzen in der Lage sind, die Potentiale einer flexiblen, virtuellen Gesellschaft zu nutzen, um nicht den vorhandenen Risiken schutzlos ausgeliefert zu sein. Dies erfordert nicht nur strukturelle Ausgangvoraussetzungen, sondern auch die Akzeptanz neuer Kommunikationsformen, einen dialogischen Austausch zwischen den Generationen, neue Lehr- und Lernformen (z.B. selbstgesteuertes und individualisiertes Lernen), die Verhinderung einer digitalen Spaltung (zwischen und innerhalb von Generationen) und die Aktualisierung eines ressourcenorienterten Ansatzes (z.B. zur Verfügung stellen von virtuellen Lernräumen).
Persönlichkeitsbildung und Sozialkompetenz als Grundlagen umfassender Bildung
Nur wenn junge Menschen ausreichend Möglichkeiten haben zur Entfaltung ihrer Persönlichkeit können sie sich auch verantwortungsvoll, sozialkompetent und demokratisch in digitalen Medien bewegen. Nur starke junge Menschen sind auch starke Persönlichkeiten im Netz. Selbstbewusste und reflektierende Jugendliche nutzen das Internet (z.B. Profile erstellen) zur Identitäts- und Beziehungsarbeit. Dabei spielt In der heutigen Lebenswelt junger Menschen die Differenz zwischen online und offline kaum mehr eine Rolle: Die Interaktionsbereiche sind tief miteinander verwoben. Von Datenmißbrauch und Cybermobbing sind vor allem Jugendliche gefährdet, die über keine Medienkompetenz verfügen. Mobbing, Happy Slapping und andere Phänomene verweisen auf grundlegende Beziehungs- und Kommonikationsstörungen, die in den medialen Räumen eine besondere Sichtbarkeit erlangen. Medienkompetenzförderung muss daher auf eine ganzheitliche Medienbildung abzielen: sie betrifft alle Bereiche der Bildung.
Die lebensweltliche Orientierung der Medienpädagogik bietet weitreichende Erfahrungsfelder, die auch für die Schule und die Eltern Potentiale eröffnen für ein erweitertes Verständnis der Kompetenzen von Jugendlichen.
Reichweite und Bedeutung der Medienkompetenz
Demgegenüber wird der Begriff der Medienkompetenz in den öffentlichen und politischen Debatten häufig verkürzt verwendet. Vor dem Hintergrund der oben skizzierten Sachlage muss klar gestellt werden, dass Medienkompetenz als Vielfalt an medienbezogenen, lebensweltlichen Kompetenzen begriffen werden muss. Bei der Medienkompetenz geht es um Orientierung und die aktive und kreative Gestaltung des eigenen Lebens sowie um die Fähigkeit, selbst- und verantwortungsbewusst in einer mediatisierten Welt zu agieren und dabei Werte auszuhandeln.
Entsprechend lässt sich Medienkompetenz nicht auf rein technische Aspekte, curriculare Medienkenntnisse oder Maßnahmen des Medienschutzes reduzieren.Dabei setzt Medienkompetenzförderung für Jugendliche auch medienpädagogisch kompetente Eltern, Lehrer und pädagogische Fachkräften voraus und fordert die Verfügbarkeit und Zugänglichkeit von Ressourcen. Medienkompetenzförderung für Jugendliche darf daher nicht der jungen Generation die gesamte Innovationslast aufbürden; zu fordern ist die gezielte, nachhaltige Förderung der Medienbildung bei Lehrern, Pädagogen und auch Eltern. Fähiges, fruchtbares und verantwortlichen mediales Handeln entsteht nicht allein in der Peergroup-Kultur. Vielmehr entsteht es wesentlich auch in familialen, schulischen und außerschulischen Medienkulturen. Insbesondere dort liegt die Verantwortung, die Potenziale von Medien nicht nur zur Ausbildung, sondern in ihrer gesellschaftlichen Bedeutung und Tragweite zu erfassen und gezielt zu fördern.
Gesellschaftliche Partizipationsfähigkeit als Ziel digitaler Jugendbildung
Digitale Jugendbildung hat aus diesem Grund die zentrale Aufgabe, die Partizipationskompetenz junger Menschen zu stärken und damit eine Grundlage für alle Jugendlichen zur gesellschaftlichen Teilnahme und zu einer entsprechenden demokratischen Bildung zu schaffen. Es gilt, Kinder und Jugendlichen die Kompetenzen zu vermitteln, das Internet produktiv und für die Durchsetzung ihrer Interessen nutzen zu können. Dazu müssen zum einen Informationen für Kinder und Jugendliche transparent und verständlich aufbereitet und visualisiert werden. Zum anderen braucht es eine pädagogische inhaltlichen Begleitung, um Interessen erkennen, formulieren und verbreiten zu können. Jegliche pädagogisch begleiteten Bildungsprozesse, die auf gesellschaftliche und politische Bereiche zielen, müssen gemäß der medialen Durchdringung jugendlicher Lebenswelten sich der Medien als Werkzeuge und als öffentlich vernetzten Raum bedienen.
Digitale Jugendbildung muss letztendlich darauf abzielen, junge Menschen darin zu stärken, an meinungsbildenden und politischen Prozessen sowie an Auseinandersetzungen teilzunehmen. Dazu müssen mediale Partizipationsräume geschaffen und gestaltet werden, die es Kindern und Jugendlichen ermöglichen, ihre Interessen zu artikulieren und innerhalb von Entscheidungsfindungsprozessen zu implementieren. Dies setzt voraus, dass Entscheidungsstrukturen in Politik, Schule und Organisationen zielgruppengerecht resonanzfähig gemacht werden; wofür kollaborative und vernetzte Governancestrukturen geschaffen werden müssen.
Folgerungen und Forderungen
Aus dem Vorgenannten ziehen wir drei wesentliche Schlussfolgerungen und Forderungen:
· Der gesellschaftliche und politische Mediendiskurs darf nicht länger allein an Problemen, Risiken und Defiziten orientiert sein. Auch das positive Potential muss erkannt und anerkannt werden. Die digitale Jugendkultur bedarf der Akzeptanz und Wertschätzung auf breiter gesellschaftlicher Basis. Nur über den Weg der Anerkennung der Jugendkulturen auch in ihren kreativen Potenzialen kann eine anschlussfähige Jugendmedienpolitik geschaffen werden. Hierzu gehört auch die zunehmende digitale Ungleichheit zwischen Jugendlichen und ihren digitalen Jugendkulturen im Interesse von Chancengleichheit und Bildungsgerechtigkeit aktiv und dezidiert entgegenzutreten. Dies sind grundlegende Voraussetzungen, dem derzeitigen epochalen Leitmedienwandel in angemessener Weise zu begegnen.
· Medienbildung in der Ausbildung von Pädagoginnen und Pädagogen der Jugendarbeit verankern/nachhaltige Strukturen digitaler Jugendbildung fördern: Die oben aufgezeigten Handlungsoptionen der aufsuchenden digitalen Jugendarbeit existieren in Ansätzen. Sie sind systematisch, etwa durch entsprechende Forschungsförderungen und Projektmaßnahmen, auszubauen. Wesentlich ist der Aufbau einer nachhaltigen (nicht nur auf eine Vielzahl begrenzter Einzelprojekte beschränkten) und systematischen digitalen Jugendbildung. Um dies erreichen zu können, muss das pädagogische Personal entsprechend ausgebildet sein. Medienbildung muss zumindest zu einem standardmäßig fakultativen Bestandteil pädagogischer und sozialpädagogischer Studiengänge werden
· Verstärkte Zusammenarbeit von Politik und Experten: Die begonnen Dialoge zwischen Politik und medienpädagogischen ExpertenInnen sollten fortgesetzt werden. Experten können, insbesondere in Zeiten radikaler Umbrüche, wesentliche, schwer einsehbare Perspektiven vermitteln und anschlussfähig machen. Die Inhalte solcher Dialoge sollten in verstärktem Maße Berücksichtigung in politischen Expertisen finden.
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